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Risikomanagement

Mit Daytrading Geld verdienen: die ehrliche Rechnung, um davon zu leben

Jan DreherJan DreherJuli 20269 Min. Lesezeit
Die Rechnung

Mit Daytrading Geld verdienen ist möglich, davon leben zu können ist eine völlig andere Rechnung. Wer 2.000 Euro im Monat zum Leben braucht, muss brutto eher 3.100 Euro erwirtschaften, weil Steuern und Krankenversicherung dazwischenstehen. Bei 3 Prozent Monatsrendite, was dauerhaft schon aussergewöhnlich gut wäre, sind dafür rund 103.000 Euro Trading-Kapital nötig. Wie du von Daytrading gut leben kannst, entscheidet sich also weniger an der Strategie als am Startkapital und daran, ob dein Konto einen Drawdown übersteht, während du jeden Monat Geld herausnimmst.

Wie viel Kapital brauchst du, um von Daytrading zu leben?

Die naive Rechnung geht so: Bedarf geteilt durch Monatsrendite. 2.000 Euro geteilt durch 3 Prozent ergibt rund 67.000 Euro. Diese Zahl ist zu klein, weil sie zwei Posten unterschlägt, die bei einem Angestellten der Arbeitgeber oder das Lohnbüro erledigt.

Erstens Steuern. Gewinne aus Krypto-Derivaten unterliegen in Deutschland je nach Ausgestaltung der Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag, zusammen rund 26,4 Prozent. Das ist keine Steuerberatung und die Details sind bei Krypto-Produkten strittig, als Rechengrösse reicht es. Zweitens Krankenversicherung: wer hauptberuflich tradet, ist über keinen Arbeitgeber mehr versichert. Der Mindestbeitrag zur freiwilligen gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung liegt in der Grössenordnung von 280 Euro im Monat und steigt mit dem Einkommen.

Damit wird aus 2.000 Euro Bedarf ein Nettobedarf von 2.280 Euro. Geteilt durch 0,736 ergibt das rund 3.100 Euro Bruttogewinn, den dein Konto Monat für Monat abwerfen muss. Erst diese Zahl setzt du in die Kapitalrechnung ein.

  • 2 Prozent Monatsrendite: 3.100 geteilt durch 0,02 ergibt 155.000 Euro Kapital
  • 3 Prozent Monatsrendite: 3.100 geteilt durch 0,03 ergibt rund 103.000 Euro Kapital
  • 4 Prozent Monatsrendite: 3.100 geteilt durch 0,04 ergibt rund 78.000 Euro Kapital

Die Grössenordnung liegt also zwischen 78.000 und 155.000 Euro. Die untere Zahl gilt nur, wenn du dauerhaft 4 Prozent im Monat schaffst, und genau da kippt die Rechnung.

Sind 3 Prozent im Monat viel? Ja, sehr viel.

3 Prozent klingen bescheiden, weil das Wort Monat davorsteht. Rechne es aufs Jahr: 1,03 hoch 12 ergibt rund 43 Prozent. 2 Prozent im Monat sind rund 27 Prozent im Jahr, 4 Prozent sind rund 60 Prozent. Ein breiter Aktienindex liefert langfristig grob 7 bis 8 Prozent im Jahr. Wer über Jahre 40 Prozent macht, gehört zu einer sehr kleinen Gruppe, und die meisten davon verwalten fremdes Geld, weil sie es nachweisen können.

Dazu kommt: sobald du entnimmst, gibt es keinen Zinseszins mehr. Deine 3 Prozent laufen auf einem konstanten Konto, das sind lineare 36 Prozent im Jahr, jeden Monat neu zu erarbeiten. Das Kapital wächst nicht mit, es soll nur nicht schrumpfen.

Warum die 1-Prozent-Regel die Rechnung deckelt

Bei 103.000 Euro Konto und 1 Prozent Risiko pro Trade riskierst du 1.030 Euro pro Trade. Um 3.100 Euro im Monat zu verdienen, brauchst du also genau 3 R, das Dreifache deines Einzelrisikos. Bei 20 Trades im Monat ist das ein Erwartungswert von 0,15 R pro Trade. Bei einem Risk-Reward von 2:1 entspricht das einer Trefferquote von rund 38 Prozent, denn 0,38 mal 2 minus 0,62 ergibt etwa 0,15.

Auf dem Papier sieht das machbar aus, und genau darin liegt die Falle. Der Erwartungswert ist ein Mittelwert über sehr viele Trades, und die Streuung um ihn herum ist grösser als er selbst. Eine Serie von 20 Trades mit 38 Prozent Trefferquote produziert regelmässig Monate mit 12 Verlierern, ohne dass an deiner Strategie etwas kaputt wäre. Ein Angestellter bekommt sein Gehalt trotzdem. Du nicht.

Der zweite Deckel ist die Positionsgrösse. 1.030 Euro Risiko bei 4 Prozent Stop-Abstand ergibt eine Position von 25.750 Euro. Auf BTC- oder ETH-Perpetuals ist das unproblematisch, dort ist die Liquidität tief genug. Auf einem mittelgrossen Altcoin spürst du Spread und Slippage bei dieser Grösse deutlich. Wer das Risiko stattdessen auf 2 oder 3 Prozent hochdreht, um mit weniger Kapital auszukommen, verdoppelt seine Drawdowns. Und genau die zerlegen die Entnahmerechnung.

Was ein Drawdown mit fester Entnahme anrichtet

Nimm ein Konto von 103.000 Euro und drei schwache Monate mit je minus 5 Prozent. Das ist kein Crash, das ist eine normale Durststrecke. Du entnimmst trotzdem jeden Monat deine 3.100 Euro, weil die Miete nicht wartet.

  • Monat 1: 103.000 mal 0,95 sind 97.850, minus 3.100 Entnahme sind 94.750
  • Monat 2: 94.750 mal 0,95 sind 90.013, minus 3.100 sind 86.913
  • Monat 3: 86.913 mal 0,95 sind 82.567, minus 3.100 sind 79.467

Ohne Entnahme stünde das Konto nach denselben drei Monaten bei rund 88.300 Euro, also 14,3 Prozent im Minus. Mit Entnahme sind es 79.467 Euro, also 22,8 Prozent. Die feste monatliche Auszahlung hat den Schaden fast verdoppelt, ohne dass du einen einzigen zusätzlichen Trade verloren hättest.

Jetzt wird es unangenehm. Deine 3.100 Euro sind aus 79.467 Euro nicht mehr 3 Prozent, sondern 3,9 Prozent, die du ab sofort jeden Monat brauchst, nur damit das Konto nicht weiter schrumpft. Gleichzeitig ist dein 1-Prozent-Risiko von 1.030 auf 795 Euro gefallen, deine Positionen sind kleiner, deine absoluten Gewinne auch. Und um wieder auf die ursprünglichen 103.000 Euro zu kommen, brauchst du rund 30 Prozent Rendite obendrauf. Das Konto fällt schnell und erholt sich langsam, weil beide Effekte in dieselbe Richtung ziehen.

Ein Trading-Konto, aus dem jeden Monat die Miete kommt, hat keine Zeit, sich zu erholen. Es zahlt, während es blutet.

Warum Rendite kein Gehalt ist

Ein Gehalt ist jeden Monat gleich hoch. Ein Trading-Ergebnis ist eine Verteilung: ein Monat plus 8 Prozent, der nächste minus 4, dann plus 1. Selbst bei positivem Erwartungswert liegt der typische Monat oft unter deinem Bedarf, und die guten Monate müssen die schlechten mittragen. Wer aus einem streuenden Ergebnis eine feste Rate ziehen muss, tut zwangsläufig das Falsche: er nimmt am 25. des Monats Trades, die er am 5. nicht angefasst hätte, weil das Ergebnis noch nicht reicht.

Dieser Druck ist der eigentliche Grund, warum Vollzeit-Trading mit knappem Kapital scheitert, nicht die fehlende Strategie. Kapital, das du zum Leben brauchst, tradest du schlechter als Kapital, das du entbehren kannst.

Warum die grosse Mehrheit es nicht schafft

Die vermutlich sauberste Untersuchung dazu kommt aus Brasilien. Chague, De-Losso und Giovannetti verfolgten in ihrer Studie mit dem Titel Day Trading for a Living aus dem Jahr 2020 fast 20.000 Personen, die zwischen 2013 und 2015 mit Daytrading auf Aktienindex-Futures begannen. Von denen, die es mindestens 300 Handelstage durchhielten, verloren 97 Prozent Geld. Nur 1,1 Prozent verdienten mehr als den brasilianischen Mindestlohn. Wer länger dabeiblieb, wurde nicht besser, sondern verlor im Schnitt mehr.

Bei europäischen CFD-Brokern steht die Zahl direkt auf der Website: je nach Anbieter verlieren 74 bis 89 Prozent der Privatkonten Geld. Das ist keine Kritikerbehauptung, sondern eine aufsichtsrechtlich vorgeschriebene Selbstauskunft. Krypto-Futures mit hohem Hebel sind nicht die freundlichere Variante davon.

Und noch ein Effekt verzerrt das Bild: Wer öffentlich vom Trading lebt, hat sein Kapital meistens nicht ertradet. Es kam aus einem Verkauf, einer Erbschaft, einem gut bezahlten Job, oder es kommt gar nicht aus dem Trading, sondern aus Kursen und Signalen. Trading vermehrt Kapital, es erschafft keins.

Wie es realistisch geht

Der Weg, der rechnerisch funktioniert, sieht unspektakulär aus und dauert Jahre. Er dreht die Reihenfolge um: erst Können, dann Kapital, dann irgendwann vielleicht Einkommen.

  • Kapital aus einer anderen Quelle aufbauen, nicht aus dem Trading selbst. Ein Konto wächst schneller durch Einzahlungen als durch Rendite.
  • Erst 100 dokumentierte Trades auf der Demo-Börse, bewertet nach Regeltreue, nicht nach Gewinn. Ohne diese Basis ist jedes Ergebnis Zufall, auch ein positives.
  • Dann echtes Geld in einer Grösse, deren Totalverlust dein Leben nicht verändert. Diese Summe ist kleiner, als du denkst.
  • Ziel Nebeneinkommen statt Vollzeit. Ein Konto, aus dem du nichts entnehmen musst, tradet sich nachweislich anders.
  • 12 Monate Lebenshaltung als Puffer ausserhalb des Trading-Kontos, bevor Vollzeit überhaupt zur Debatte steht.
  • Entnahmeregel statt fester Rate: nur nach einem positiven Quartal entnehmen, nur einen Teil des Gewinns, nie aus der Substanz.

Die letzte Regel ist die wichtigste. Eine feste monatliche Entnahme behandelt ein schwankendes Konto wie ein Gehaltskonto. Eine gewinnabhängige Entnahme lässt es in schlechten Phasen in Ruhe. Das ist der Unterschied zwischen einem Konto, das eine Durststrecke überlebt, und einem, das darin verhungert.

Auf dieser Plattform kannst du den ganzen Ablauf mit Spielgeld durchspielen: 1 Prozent Risiko, sauber gesetzte Stops, ein Journal über 100 Trades. Die Demo-Börse läuft mit echten Live-Kursen, kostet nichts und verlangt keine Einzahlung. Sie zeigt dir nicht, ob du reich wirst, sondern ob deine Regeltreue über 100 Trades hält. Diese Antwort ist mehr wert als jede Renditeprognose.

Häufige Fragen

Wie viel Startkapital brauche ich, um von Daytrading zu leben?

Bei 2.000 Euro Lebenshaltung im Monat brauchst du wegen Steuern und Krankenversicherung rund 3.100 Euro Bruttogewinn. Daraus ergeben sich rund 155.000 Euro Kapital bei 2 Prozent Monatsrendite, rund 103.000 Euro bei 3 Prozent und rund 78.000 Euro bei 4 Prozent. Realistisch solltest du am oberen Ende planen, weil du zusätzlich einen Puffer für Drawdowns brauchst, aus dem du nicht entnimmst.

Kann man mit 1.000 Euro von Daytrading leben?

Nein. 3 Prozent von 1.000 Euro sind 30 Euro im Monat. Um daraus 3.100 Euro zu machen, bräuchtest du 310 Prozent Monatsrendite, und das erreichst du nur über Hebel und Positionsgrössen, die dein Konto statistisch innerhalb weniger Wochen löschen. Mit 1.000 Euro lernt man Trading, man lebt nicht davon.

Wie viel Prozent Rendite im Monat sind realistisch?

Für einen konsistent profitablen Trader sind 2 bis 4 Prozent im Monat ein gutes Ergebnis, und das entspricht bereits 27 bis 60 Prozent im Jahr. Die meisten aktiven Privattrader liegen dauerhaft im Minus. Wer dir zweistellige Monatsrenditen als normal verkauft, rechnet entweder mit einer Handvoll Glücksmonate oder verdient nicht am Trading, sondern an dir.

Warum ist eine feste monatliche Entnahme so schädlich?

Weil sie genau dann zuschlägt, wenn das Konto ohnehin schwach ist. Drei Monate mit je minus 5 Prozent kosten ein Konto ohne Entnahme 14,3 Prozent, mit einer festen Entnahme von 3 Prozent des Startkapitals dagegen 22,8 Prozent. Danach ist dieselbe Entnahme prozentual grösser, die Positionsgrössen sind kleiner, und die Erholung dauert entsprechend länger.

Wie viele Daytrader leben wirklich vom Trading?

Sehr wenige. In einer brasilianischen Studie aus dem Jahr 2020 verloren 97 Prozent derer, die mindestens 300 Tage durchhielten, Geld, und nur 1,1 Prozent verdienten mehr als den Mindestlohn. Bei europäischen CFD-Brokern liegt der Anteil verlierender Privatkonten je nach Anbieter bei 74 bis 89 Prozent. Diese Zahlen sind der Grund, warum eine Vollzeit-Planung ohne zweites Standbein unvernünftig ist.

Sollte ich meinen Job kündigen, um Vollzeit zu traden?

Nicht, bevor drei Dinge gleichzeitig stimmen: ein dokumentierter positiver Track Record über mindestens 12 Monate, Kapital in der oben berechneten Grössenordnung, und 12 Monate Lebenshaltung als Puffer ausserhalb des Trading-Kontos. Fehlt eines davon, finanzierst du deine Lernkurve aus dem Geld, das du zum Leben brauchst, und dieser Druck ruiniert die Regeltreue, auf der jede Strategie beruht.

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Jan Dreher
Jan DreherGründer von daytrading-lernen.de

Jan Dreher ist Gründer von daytrading-lernen.de und baut Tools für Krypto-Trader, darunter den Simulator mit echten Live-Kursen von Binance und Bybit und den Positionsgrössen-Rechner der Plattform. Er schreibt hier über das Handwerk hinter dem Trading: Risiko, Positionsgrösse und die Mathematik, an der die meisten scheitern. Jede Zahl in seinen Artikeln ist nachrechenbar, jede Empfehlung begründet.