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Risikomanagement

Risk-Reward-Ratio (CRV): mit 40 Prozent Trefferquote profitabel

Jan DreherJan DreherJuli 20269 Min. Lesezeit
CRV

Du kannst mehr Trades verlieren als gewinnen und dein Konto wächst trotzdem. Das ist keine Motivationsphrase, sondern reine Mathematik. Mit einer Risk-Reward-Ratio von 1:2 liegt deine Gewinnschwelle bei 33,3 Prozent Trefferquote. Triffst du in 40 von 100 Fällen richtig, bist du klar darüber und verdienst Geld, obwohl 6 von 10 Trades rot sind. Die Zahl, die wirklich über dein Konto entscheidet, heisst Erwartungswert, und sie setzt sich aus genau zwei Grössen zusammen: der Risk-Reward-Ratio und der Trefferquote. Wer nur auf die Trefferquote schielt, optimiert die falsche Kennzahl und sprengt sein Konto trotz mehrheitlich grüner Trades.

Was ist die Risk-Reward-Ratio (CRV) und wie berechnest du sie?

Die Risk-Reward-Ratio, im Deutschen Chance-Risiko-Verhältnis oder kurz CRV, ist das Verhältnis zwischen dem, was du auf einem Trade riskierst, und dem, was du gewinnen willst. Du berechnest sie aus genau zwei Distanzen: dem Abstand von deinem Entry zum Stop-Loss (das Risiko) und dem Abstand vom Entry zum Take-Profit (die Chance). Steht dein Stop 20 Dollar unter dem Einstieg und dein Take-Profit 40 Dollar darüber, ist das CRV 1:2. Du riskierst eine Einheit, um zwei zu gewinnen.

Wichtig ist, dass beide Zahlen aus der Chartstruktur kommen, nicht aus deinem Wunschdenken. Der Stop gehört hinter einen Punkt, an dem dein Setup nachweislich kaputt ist, das Take-Profit vor die nächste echte Widerstands- oder Unterstützungszone. Erst wenn beide Marken feststehen, liest du das CRV ab. Genau dieselben zwei Distanzen bestimmen später auch deine Positionsgrösse, deshalb ist das CRV kein isolierter Kennwert, sondern die Wurzel deines gesamten Risk-Managements.

Reichen 40 Prozent Trefferquote wirklich aus, um profitabel zu sein?

Ja, bei einem CRV von 1:2 reichen 40 Prozent Trefferquote deutlich zum Gewinn, weil die Gewinnschwelle dort bei nur 33,3 Prozent liegt. Die Formel dafür ist simpel und unbestechlich: Break-even-Trefferquote = 1 geteilt durch (1 plus CRV). Bei 1:1 brauchst du 50 Prozent, bei 1:1,5 exakt 40 Prozent, bei 1:2 genau 33,3 Prozent und bei 1:3 nur noch 25 Prozent. Je grösser deine Gewinner im Verhältnis zum Risiko, desto seltener musst du recht haben.

Rechne die 40-Prozent-Serie einmal komplett durch. Du machst 10 Trades und riskierst pro Trade 100 Euro, dein Take-Profit liegt bei 200 Euro (CRV 1:2). Vier Gewinner bringen 4 mal 200 = 800 Euro. 6 Verlierer kosten 6 mal 100 = 600 Euro. Unterm Strich stehen plus 200 Euro, und das bei einer Trefferquote von nur 40 Prozent. 6 von 10 Trades waren rot, dein Konto ist trotzdem gewachsen. Das ist der Kern, warum die Trefferquote allein nichts über deine Profitabilität aussagt.

Der Erwartungswert: die eine Formel, die über dein Konto entscheidet

Der Erwartungswert ist der durchschnittliche Gewinn oder Verlust, den ein Trade über eine grosse Serie erwarten lässt, und genau er entscheidet über dein Konto, nicht die Trefferquote. Die Formel: Erwartungswert = Trefferquote mal durchschnittlicher Gewinn minus Verlustquote mal durchschnittlicher Verlust. Solange dieser Wert positiv ist, wächst dein Konto über die Serie, egal wie tief die Trefferquote liegt. Ist er negativ, verlierst du auf Dauer, auch mit 70 Prozent Treffern.

Setz die 40-Prozent-Serie ein, gerechnet in R (eine R-Einheit ist dein Risiko pro Trade): 0,4 mal 2R minus 0,6 mal 1R = 0,8R minus 0,6R = plus 0,2R pro Trade. Bei 100 Euro Risiko sind das 20 Euro Erwartungswert je Trade. Der Vergleich mit dem Casino macht es greifbar. Beim europäischen Roulette hat die Bank nur 2,7 Prozent Edge und verliert viele einzelne Runden, gewinnt aber über die grosse Stichprobe verlässlich. Du brauchst keinen einzelnen Treffer, nur einen positiven Erwartungswert und genug Trades, damit sich die Statistik durchsetzt.

Warum 70 Prozent Gewinner dein Konto trotzdem sprengen können

Eine hohe Trefferquote schützt dich nicht, wenn dein CRV miserabel ist, weil ein einziger grosser Verlierer viele kleine Gewinner auffrisst. Das ist der häufigste Weg, wie Anfänger mit scheinbar gutem Gefühl pleitegehen: Gewinne werden aus Angst früh mitgenommen, Verluste aus Hoffnung laufen gelassen. Genau diese Kombination dreht den Erwartungswert ins Minus, obwohl das Konto sich kurzfristig gut anfühlt.

Das Gegenbeispiel rechnet sich brutal klar. Ein Trader riskiert 300 Euro für ein Ziel von nur 100 Euro, sein CRV ist also 1:0,33. Er trifft in 7 von 10 Fällen richtig. 7 Gewinner bringen 7 mal 100 = 700 Euro, drei Verlierer kosten 3 mal 300 = 900 Euro. Ergebnis: minus 200 Euro über 10 Trades, trotz 70 Prozent Trefferquote. Die drei Verlierer haben 7 Gewinner gefressen. Wer die Trefferquote zum Ziel erklärt, baut sich genau diese Falle.

Nicht wie oft du recht hast entscheidet über dein Konto, sondern wie viel du gewinnst wenn du recht hast, gegen wie viel du verlierst wenn du falsch liegst.

Erst der Stop, dann die Positionsgrösse: die gemeinsame Wurzel

Deine Positionsgrösse folgt aus dem Stop, nicht umgekehrt, und der Hebel ändert daran nichts. Der richtige Ablauf ist immer gleich: Zuerst legst du dein Dollar-Risiko fest, üblich sind maximal 2 Prozent des Kontos pro Trade. Dann bestimmst du Entry und Stop aus der Chartstruktur. Aus dem Abstand zwischen beiden ergibt sich die maximale Stückzahl. Die Formel dahinter: maximale Stückzahl = (Konto mal 2 Prozent) geteilt durch (Entry minus Stop).

Ein Beispiel: 28.000 Dollar Konto, 2 Prozent davon sind 560 Dollar maximales Risiko. Liegt dein Stop 0,98 Dollar vom Entry entfernt, ergibt 560 geteilt durch 0,98 rund 571 Einheiten, die du zur Sicherheit auf 550 abrundest. Der entscheidende Punkt für Crypto-Futures: Der Hebel verändert diese Zahl nicht. Nur der Stop-Abstand zählt. Und weil genau dieselben zwei Distanzen (Stop-Abstand und Take-Profit-Abstand) auch dein CRV definieren, sind Positionsgrösse und CRV keine getrennten Themen, sondern zwei Ergebnisse derselben Entscheidung. Als Serien-Schutz gehört eine Notbremse dazu: Nach drei Verlusten in Folge zu je 2 Prozent bist du 6 Prozent im Monats-Drawdown und stellst den Handel bis Monatsende ein. So löscht eine normale Verlustserie bei niedriger Trefferquote dein Konto nicht aus.

Welches CRV ist realistisch für deinen Trading-Stil?

Realistisch wird es ab 1:2, darunter musst du sehr genau wissen, warum. Als Faustregel gilt: kurzfristigere Stile wie Scalping tendieren zu höherer Trefferquote bei kleinerem CRV, längere Positionstrades zu niedrigerer Trefferquote bei grösserem CRV. Entscheidend ist nicht das Verhältnis an sich, sondern dass Trefferquote und CRV zusammen einen positiven Erwartungswert ergeben. Ein Scalper mit 60 Prozent Treffern und 1:1 lebt genauso wie ein Swing-Trader mit 35 Prozent Treffern und 1:3.

Der häufigste Fehler ist, das CRV herbeizurechnen. Du willst 1:3, also schiebst du das Take-Profit weit genug raus, bis die Zahl passt. Damit betrügst du dich selbst. Das Take-Profit gehört an die nächste realistisch erreichbare Struktur, an Support oder Resistance, nicht an ein Wunsch-Verhältnis. Kursziele, die nur auf dem Papier gross sind, werden selten erreicht, und ein CRV, das nie eintritt, ist wertlos. Die folgenden Fehler killen ein rechnerisch schönes CRV in der Praxis:

  • Unrealistisches Take-Profit: Ein Ziel, das am maximal möglichen Hoch klebt, wird fast nie getroffen. Eine Trefferwahrscheinlichkeit nahe null bedeutet, dass dein schönes CRV nur auf dem Papier existiert.
  • Kosten ignorieren: Spread, Slippage und im Crypto-Futures zusätzlich Funding fressen die Edge. Ein Mini-Target mit CRV unter 1 verdient oft nur die Gebühren, bevor für dich überhaupt Gewinn beginnt.
  • Verlustserie nicht aushalten: Bei 40 Prozent Trefferquote fühlen sich 6 von 10 roten Trades wie Scheitern an, obwohl sie völlig normal sind. Wer nach drei Verlusten das System wechselt, erntet nie den positiven Erwartungswert.
  • Stop nachziehen ins Verluste-Vergrössern: Wer den Stop im Verlust weiter aufmacht, ändert das CRV nachträglich gegen sich. Aus 1:2 wird 1:1 oder schlechter, der ganze Vorteil ist weg.
  • Trefferquote statt Equity-Kurve messen: Der echte Massstab ist die Steigung deiner Equity-Kurve, stetiges Wachstum mit kleinen Drawdowns. Eine hohe Trefferquote allein sagt nichts, ein einzelner Big Win auch nicht.

Warum ein gutes CRV auf dem Papier noch kein Gewinn ist

Ein rechnerisch schönes CRV ist erst dann ein Gewinn, wenn das Take-Profit realistisch erreichbar ist und die Kosten schlägt. Trading ist ein Minus-Summen-Spiel: Zwischen dir und dem Markt stehen Spread, Slippage, Gebühren und im gehebelten Crypto-Futures-Handel das Funding. Diese Reibung kann einen erheblichen Teil deines Bruttogewinns kosten. Dein Take-Profit muss sie erst verdienen, bevor für dich etwas übrig bleibt. Deshalb taugt ein CRV unter 1 fast nie, die Gewinnseite deckt oft nur die Kosten.

Dazu kommt der psychologische Unterbau. Jeder einzelne Verlust ist bei positivem Erwartungswert statistisch normal und Teil der Serie, kein Fehler. Verluste sind die Betriebskosten deiner Edge, nicht ihr Gegenteil. Wenn dein Vorteil die Wahrscheinlichkeiten zu deinen Gunsten kippt, bringt dich jeder Loss dem nächsten Win näher. Genau das musst du emotional aushalten, um bei niedriger Trefferquote das positive CRV über die Serie zu ernten. Bevor du live gehst, rechne deine Setups im Journal nach und teste die Verluststrecken in der Demo-Börse mit echten Live-Kursen und im Bar-Replay durch, bis du eine normale rote Serie ohne Systemwechsel aushältst. Der Positionsgrössen-Rechner nimmt dir dabei den ersten Schritt ab: Stop rein, Risiko rein, Stückzahl raus.

Häufige Fragen

Was ist ein gutes CRV beim Trading?

Ab 1:2 gilt als solide Ausgangsbasis, weil deine Gewinnschwelle dort bei nur 33,3 Prozent Trefferquote liegt. Wichtiger als eine feste Zahl ist aber, dass CRV und Trefferquote zusammen einen positiven Erwartungswert ergeben. Ein Scalper kann mit 1:1 profitabel sein, wenn seine Trefferquote über 50 Prozent liegt, ein Swing-Trader braucht bei 35 Prozent Treffern eher 1:3. Unter 1:1 wird es fast immer eng, weil dann die Handelskosten die Edge fressen.

Wie berechne ich die Break-even-Trefferquote für ein CRV?

Mit der Formel Break-even = 1 geteilt durch (1 plus CRV). Bei 1:1 brauchst du 50 Prozent, bei 1:1,5 exakt 40 Prozent, bei 1:2 genau 33,3 Prozent und bei 1:3 nur 25 Prozent. Liegt deine tatsächliche Trefferquote über diesem Wert, ist dein Erwartungswert positiv und dein Konto wächst über die Serie.

Kann ich mit 40 Prozent Trefferquote profitabel sein?

Ja, sofern dein CRV mindestens 1:2 beträgt. Rechenbeispiel über 10 Trades mit 100 Euro Risiko und 200 Euro Ziel: vier Gewinner bringen 800 Euro, 6 Verlierer kosten 600 Euro, macht plus 200 Euro. 6 von 10 Trades sind rot, das Konto wächst trotzdem. Voraussetzung ist, dass du die Verlustserien psychologisch aushältst und das Take-Profit realistisch erreichbar bleibt.

Ist eine hohe Trefferquote nicht wichtiger als das CRV?

Nein, beide zählen nur gemeinsam über den Erwartungswert. Eine hohe Trefferquote mit schlechtem CRV sprengt das Konto: 70 Prozent Treffer bei einem CRV von 1:0,33 (300 Euro Risiko für 100 Euro Ziel) ergeben über 10 Trades minus 200 Euro, weil drei Verlierer 7 Gewinner auffressen. Der echte Massstab ist nicht die Trefferquote, sondern die Steigung deiner Equity-Kurve.

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Jan Dreher
Jan DreherGründer von daytrading-lernen.de

Jan Dreher ist Gründer von daytrading-lernen.de und baut Tools für Krypto-Trader, darunter den Simulator mit echten Live-Kursen von Binance und Bybit und den Positionsgrössen-Rechner der Plattform. Er schreibt hier über das Handwerk hinter dem Trading: Risiko, Positionsgrösse und die Mathematik, an der die meisten scheitern. Jede Zahl in seinen Artikeln ist nachrechenbar, jede Empfehlung begründet.