Alle Artikel
Grundlagen

Funding Rate bei Perpetual Futures: wer zahlt wem, und wie viel

Jan DreherJan DreherAugust 202610 Min. Lesezeit
Alle 8 Stunden

Ein Perpetual Future hat keinen Verfallstag. Genau daraus entsteht ein Problem, das ein normaler Future nicht hat: Nichts zwingt den Kontraktpreis dazu, irgendwann wieder beim echten Marktpreis zu landen. Die Funding Rate ist die Lösung dafür, und sie ist der einzige Kostenblock im Krypto-Handel, den die meisten Anfänger komplett übersehen.

Sie taucht in keiner Gebührentabelle auf, weil sie keine Gebühr ist. Sie geht nicht an die Börse, sondern von einer Seite des Marktes an die andere. Und sie läuft weiter, während du schläfst. Dieser Artikel erklärt den Mechanismus, rechnet die Beträge durch und sagt, wann du sie ignorieren kannst und wann nicht.

Was ist die Funding Rate?

Die Funding Rate ist eine Zahlung, die in festen Abständen direkt zwischen Long- und Short-Positionen fliesst, damit der Preis des Perpetual Future nicht vom Spot-Preis wegläuft. Ist die Rate positiv, zahlen Longs an Shorts. Ist sie negativ, zahlen Shorts an Longs. Die Börse leitet nur weiter und verdient daran nichts.

Der Mechanismus ist eine Rückkopplung. Wenn viele auf steigende Kurse setzen, wird der Perpetual teurer als der Spot-Markt. Die Rate wird positiv, Longs zahlen also laufend. Das macht Long-Positionen unattraktiver und Shorts attraktiver, bis sich der Abstand wieder schliesst. Fällt der Perpetual unter den Spot-Preis, dreht sich das um.

Wichtig ist, was die Rate nicht ist: keine Prognose. Eine hohe positive Funding Rate heisst nicht, dass der Kurs steigt. Sie heisst, dass viele Long sind. Das ist eine Aussage über die Positionierung, nicht über die Richtung, und sie kippt oft genau dann, wenn sie am eindeutigsten aussieht. Was ein Perpetual überhaupt ist, steht in Was sind Futures.

Wie oft und wie viel wird gezahlt?

Bei den grossen Paaren wie BTC und ETH läuft Funding alle 8 Stunden, der Referenzwert liegt bei 0,01 Prozent pro Intervall. Das sind 3 Zahlungen pro Tag, also 0,03 Prozent täglich und rund 11 Prozent im Jahr, wenn die Rate dort stehen bleibt.

Funding Rate pro 8hPro TagAufs Jahr gerechnetWas der Markt gerade macht
0,01 %0,03 %10,95 %Referenzwert, leicht Long-lastig, Normalzustand
0,05 %0,15 %54,8 %Deutlicher Long-Überhang, oft nach einem starken Anstieg
0,10 %0,30 %109,5 %Überhitzt, typisch kurz vor einer Long-Squeeze
0,30 %0,90 %328,5 %Obergrenze bei BTC und ETH auf Binance, extrem selten
-0,05 %-0,15 %-54,8 %Short-Überhang, du bekommst als Long Geld
Der Referenzwert 0,01 % gilt, solange Perpetual und Spot nahe beieinander liegen. Stand August 2026 lag die BTC-Rate bei Binance und Bybit sogar darunter, bei etwa 0,004 %.

Die 8 Stunden sind kein Naturgesetz. Bei volatilen Altcoins verkürzen die Börsen das Intervall auf 4 oder sogar 1 Stunde, damit der Preis enger am Spot bleibt. Wer eine Position über Nacht hält, sollte für sein Paar wissen, um welche Uhrzeiten abgerechnet wird. Auf Binance sind das bei BTC und ETH 01:00, 09:00 und 17:00 Uhr MEZ.

Bezahlt wird nur, wer im Moment der Abrechnung eine offene Position hat. Wer 7 Stunden und 55 Minuten drin ist und vorher schliesst, zahlt nichts. Wer 2 Minuten vor der Abrechnung eröffnet, zahlt voll. Das ist kein anteiliges Modell, sondern eine Momentaufnahme.

Was Funding dich konkret kostet

Gerechnet wird auf den Positionswert, nicht auf deine Margin, und das ist der Punkt, an dem der Hebel die Rechnung sprengt. Wer 200 USDT Eigenkapital mit 10x Hebel einsetzt, hält eine Position von 2.000 USDT und zahlt Funding auf 2.000 USDT.

  • Position 2.000 USDT, Rate 0,01 %: 0,20 USDT pro Intervall, 0,60 USDT pro Tag. Auf 200 USDT Eigenkapital sind das 0,3 Prozent täglich.
  • Dieselbe Position, Rate 0,05 %: 1 USDT pro Intervall, 3 USDT pro Tag. Jetzt sind es 1,5 Prozent deines Eigenkapitals, jeden Tag.
  • Eine Woche gehalten, Rate 0,05 %: 21 USDT. Deine Position muss also gut 1 Prozent steigen, nur damit du bei null bist.

Diese Rechnung erklärt, warum Funding beim Daytrading fast egal ist und beim Halten über Tage entscheidend wird. Ein Trade, der 40 Minuten läuft, trifft im Schnitt jedes zwölfte Mal überhaupt eine Abrechnung. Eine Position, die 3 Wochen offen ist, zahlt 63 Mal. Warum ein hoher Hebel auch sonst kein günstiger Kredit ist, steht in Hebel Trading erklärt.

Wann Funding zum Signal wird

Extreme Funding Rates sind kein Kaufsignal, aber ein zuverlässiger Hinweis darauf, wie voll eine Seite des Marktes ist. Für das Risikomanagement sind sie damit nützlicher als für den Einstieg.

Steht die Rate über mehrere Intervalle bei 0,1 Prozent, ist die Long-Seite gehebelt und teuer finanziert. Fällt der Kurs dann auch nur moderat, werden die ersten Longs liquidiert, ihr Zwangsverkauf drückt den Preis weiter, und die nächsten kippen. Das ist die Long-Squeeze, und hohe Funding Rates sind ihre Vorbedingung. Wie dieser Ablauf technisch funktioniert, steht in Liquidation verstehen.

Der praktische Schluss daraus ist unspektakulär: Bei extremer Funding in Richtung deiner geplanten Position gehst du kleiner rein, nicht gar nicht. Du weisst nicht, wann die Positionierung kippt, nur dass die Kaskade dann heftiger ausfällt als sonst. Eine negative Rate ist übrigens kein Grund, eine Position aufzumachen, nur weil man dafür bezahlt wird: Der Betrag ist ein Bruchteil dessen, was eine Kursbewegung gegen dich kostet.

Funding im Simulator sehen

Der schnellste Weg, ein Gefühl für die Beträge zu bekommen, ist eine Position über eine Abrechnung hinweg offen zu lassen und nachzusehen, was abgebucht wurde. In unserer Demo-Börse läuft Funding alle 8 Stunden mit den echten Raten von Bybit, gerechnet auf deinen Positionswert wie an der Börse.

Meine Empfehlung für die Übung: Eröffne mit Spielgeld eine Position kurz vor einer Abrechnung, notiere Positionswert und angezeigte Rate, rechne den Betrag von Hand aus und vergleiche ihn danach mit der Buchung. Wer das einmal gemacht hat, überlegt sich beim nächsten Swing-Trade von selbst, ob die Position wirklich über das Wochenende offen bleiben muss.

Häufige Fragen

Wer bekommt die Funding-Zahlung?

Die jeweils andere Marktseite, nicht die Börse. Bei positiver Rate zahlen alle Long-Positionen an alle Short-Positionen, bei negativer Rate umgekehrt. Die Börse wickelt das nur ab und verdient daran nichts, ihr Geld kommt aus den Handelsgebühren.

Wie berechnet sich die Funding-Zahlung?

Positionswert mal Funding Rate. Bei einer Position von 2.000 USDT und einer Rate von 0,01 Prozent sind das 0,20 USDT pro Intervall. Gerechnet wird auf den vollen Positionswert, nicht auf deine hinterlegte Margin, deshalb steigt der Betrag mit dem Hebel mit.

Kann ich Funding vermeiden?

Ja, indem du vor dem Abrechnungszeitpunkt schliesst. Bezahlt wird nur, wer im Moment der Abrechnung eine offene Position hat, anteilig gibt es nichts. Bei BTC und ETH auf Binance sind das 01:00, 09:00 und 17:00 Uhr MEZ. Für Daytrader ist Funding damit meistens kein Thema, für alles ab einem Tag Haltedauer schon.

Ist eine hohe Funding Rate ein Verkaufssignal?

Nein, aber ein Warnsignal für die Positionsgrösse. Eine hohe positive Rate sagt, dass viele gehebelt Long sind, nicht dass der Kurs fällt. Sie kann tagelang hoch bleiben, während der Kurs weiter steigt. Zuverlässig sagt sie nur eines: Ein Rücksetzer löst dann eine Liquidationskaskade aus statt einer normalen Korrektur.

Warum haben Perpetual Futures überhaupt Funding?

Weil ihnen der Verfallstag fehlt. Ein normaler Future läuft irgendwann aus und wird zum Marktpreis abgerechnet, das allein hält Kontrakt und Spot zusammen. Ein Perpetual läuft ewig, also braucht er einen anderen Anker. Die Funding-Zahlung macht die überfüllte Seite laufend teurer und zieht den Kontraktpreis so zum Spot-Preis zurück.

Zu den Lektionen

+

Theorie gelesen? Übe sie mit Spielgeld, bevor sie dich Geld kostet.

Über 100 kostenlose Lektionen, ein Simulator mit echten Live-Kursen und der Positionsgrössen-Rechner. Ohne Abo, ohne Zahlungsdaten.

Kostenlos starten
Jan Dreher
Jan DreherGründer von daytrading-lernen.de

Jan Dreher ist Gründer von daytrading-lernen.de und baut Tools für Krypto-Trader, darunter den Simulator mit echten Live-Kursen von Binance und Bybit und den Positionsgrössen-Rechner der Plattform. Er schreibt hier über das Handwerk hinter dem Trading: Risiko, Positionsgrösse und die Mathematik, an der die meisten scheitern. Jede Zahl in seinen Artikeln ist nachrechenbar, jede Empfehlung begründet.