Liquidation verstehen: Warum dich der Hebel rauswirft, bevor dein Stop greift
Jede Futures-Position ist mit Margin hinterlegt, deinem Einsatz. Läuft der Markt gegen dich, frisst der unrealisierte Verlust diese Margin auf. Bevor sie ganz weg ist, schliesst die Börse deine Position zwangsweise: die Liquidation. Du verlierst die Margin, egal was der Markt danach macht.
Die Faustformel
Vereinfacht liegt die Liquidation bei rund 100 geteilt durch Hebel Prozent vom Entry entfernt. Bei 10x sind das etwa 10 Prozent, bei 25x etwa 4 Prozent, bei 50x etwa 2 Prozent, bei 100x etwa 1 Prozent. In der Praxis liegt sie noch näher am Entry, weil Maintenance Margin und Fees mit hineinrechnen.
- 10x Hebel: Liquidation bei etwa minus 10 Prozent
- 25x Hebel: Liquidation bei etwa minus 4 Prozent
- 50x Hebel: Liquidation bei etwa minus 2 Prozent
- 100x Hebel: Liquidation bei etwa minus 1 Prozent
Der klassische Konto-Killer
Bitcoin bewegt sich an einem normalen Tag oft 2 bis 3 Prozent. Wer mit 50x ohne Stop handelt, wird also von völlig gewöhnlichem Marktrauschen liquidiert. Kein Crash nötig, keine Manipulation, nur ein Dienstag. Der Trade kann in die richtige Richtung gedacht sein und trotzdem endet er bei null, weil der Weg dorthin durch die Liquidationszone führt.
Mark Price, nicht Last Price: welcher Preis liquidiert
Börsen liquidieren nach dem Mark Price, nicht nach dem letzten gehandelten Preis. Der Mark Price ist ein geglätteter Referenzpreis aus mehreren Quellen, der verhindern soll, dass ein einzelner Ausreisser-Trade auf einer Börse massenhaft Positionen zwangsschliesst. Für dich heisst das zweierlei: ein kurzer Wick im Chart löst nicht zwingend deine Liquidation aus, und umgekehrt kann der Mark Price dein Level erreichen, ohne dass der Chart der Börse es exakt so zeigt. Im Terminal stehen deshalb immer beide Preise nebeneinander.
Isolated oder Cross Margin: was im Ernstfall haftet
Bei Isolated Margin haftet nur die Margin, die du dieser einen Position zugewiesen hast, der Rest des Kontos bleibt unangetastet. Bei Cross Margin haftet dein gesamtes Futures-Guthaben, die Position hält dadurch länger durch, aber wenn es schiefgeht, ist alles weg. Für den Einstieg ist Isolated die richtige Einstellung: ein Fehler kostet eine definierte Summe, nie das Konto. Cross ist ein Werkzeug für Fortgeschrittene, die mehrere Positionen gegeneinander verrechnen.
Wenn deine Liquidation näher am Entry liegt als dein Stop-Loss, hast du keinen Plan. Du hast einen Countdown.
So gehört es herum
Zuerst der Stop: wo ist deine Idee widerlegt? Sagen wir 4 Prozent unter dem Entry. Dann das Risiko: 1 Prozent vom Konto. Daraus ergibt sich die Positionsgrösse. Der Hebel bestimmt am Ende nur, wie viel Margin du für diese Grösse hinterlegst, und er muss so gewählt sein, dass die Liquidation klar hinter deinem Stop liegt. Bei einem 4-Prozent-Stop heisst das: maximal etwa 15x bis 20x, mit Puffer eher weniger.
Im Simulator kannst du das gefahrlos durchspielen: eröffne eine Position mit hohem Hebel und sieh zu, wie nah die Liquidationslinie am Entry klebt. Diese eine Übung mit Spielgeld ersetzt einen sehr teuren Lernmoment mit echtem Geld.
Häufige Fragen
Was passiert bei einer Liquidation mit meinem Geld?
Die Margin der Position ist weg, sie deckt den Verlust und die Liquidationsgebühr der Börse. Bei Isolated Margin ist damit Schluss, dein übriges Guthaben bleibt unberührt. Bleibt nach der Zwangsschliessung ein Rest übrig, wird er meist dem Insurance Fund der Börse gutgeschrieben, nicht dir, ein Grund mehr, es nie so weit kommen zu lassen.
Kann ich eine drohende Liquidation noch verhindern?
Ja, auf drei Wegen: Position teilweise oder ganz schliessen, zusätzliche Margin nachschiessen oder bei Cross Margin Guthaben freihalten. Alle drei sind aber Notoperationen, die den eigentlichen Fehler nur verwalten. Die saubere Lösung passiert vor dem Trade: Hebel so wählen, dass die Liquidation weit hinter dem Stop-Loss liegt, dann stellt sich die Frage nie.
Warum wurde ich liquidiert, obwohl der Chart mein Level kaum berührt hat?
Weil die Liquidation nach dem Mark Price läuft, nicht nach dem Last Price im Chart. Der Mark Price ist ein Referenzpreis aus mehreren Börsen und kann von dem abweichen, was dein Candlestick-Chart zeigt, vor allem in schnellen Bewegungen. Dazu kommt die Maintenance Margin: die Zwangsschliessung beginnt, bevor die Margin komplett aufgebraucht ist, das Level liegt also näher am Entry, als die einfache Faustformel vermuten lässt.
Ist Isolated oder Cross Margin besser?
Für Einsteiger klar Isolated: der maximale Schaden pro Trade ist die zugewiesene Margin, das Konto überlebt jeden Einzelfehler. Cross Margin lässt Positionen länger durchhalten, setzt dafür das gesamte Futures-Guthaben aufs Spiel und belohnt genau das Verhalten, das Anfänger ruiniert, nämlich Verlierer laufen zu lassen. Wer Cross nutzt, sollte wissen, warum, und ein Konto haben, dessen Verlust er verkraftet.
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Jan Dreher ist Gründer von daytrading-lernen.de und baut Tools für Krypto-Trader, darunter den Simulator mit echten Live-Kursen von Binance und Bybit und den Positionsgrössen-Rechner der Plattform. Er schreibt hier über das Handwerk hinter dem Trading: Risiko, Positionsgrösse und die Mathematik, an der die meisten scheitern. Jede Zahl in seinen Artikeln ist nachrechenbar, jede Empfehlung begründet.